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Glaube & Krankheit

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Palliativ-Pflege

Drei Professionen, um die Lebensqualität in den letzten Lebenstagen zu verbessern.

Im Rahmen der Palliativ-Pflege werden Menschen in der letzten Phase ihres Lebens begleitet. Dabei sind einerseits qualifizierte und ausgebildete Personen gefragt, andererseits Angehörige und Freunde – welche bereit sind, die eigene Angst vom Lebensende auszuhalten und den Erkrankten zu unterstützen.

Drei Berufsgruppen sind in der Regel bei der Begleitung der Palliativ-Patienten involviert: Mediziner, fachlich ausgebildetes Pflegepersonal und Seelsorger (oder psychologisch ausgebildete Lebensbegleiter). In entsprechender Fachliteratur wird oft über den Anteil der Ärzte und auch des Pflegepersonals gesprochen. Die Aspekte der psychosozialen Begleitung in der letzten Lebensphase bleiben im Raum der Pflege eher im Hintergrund und sind dennoch für den Erkrankten wie auch die Angehörigen von zentraler Bedeutung.

Hans-Dieter Keßeler, der Geschäftsführer von Therapon24, ist diplomierter Betriebswirt. Zu seiner Biografie gehört allerdings auch ein Theologiestudium mit einer seelsorgerlichen Ausbildung, insbesondere der klinischen Seelsorge.

Im Folgenden werden Fragen aufgegriffen, die Menschen im Verlauf des Lebens, aber auch in der letzten Phase eines Lebens stellen können:

Wieso muss ich leiden? Warum lässt Gott das zu?

Gedanken zum Thema Leiderfahrung, Krankheit und Glauben (von Hans-Dieter Keßeler)

Leid ereilt uns, ohne dass wir darauf warten. Falls wir selbst davon verschont bleiben, kennen wir zumeist Menschen in der Verwandtschaft, unter Freunden oder bei Arbeitskollegen, die ein schicksalhaftes Ereignis ereilt.

Leid zeigt sich in verschiedenen Gesichtern:

1. Als Krankheit, die uns kurzfristig, stark oder auf Dauer trifft, wobei wir uns dann mit dem Kranksein und seinen Folgen zu beschäftigen haben.

2. Im Scheitern, weil die Prüfung nicht klappt, der Job verloren geht oder die Partnerschaft zerbricht.

3. Durch Verlust, weil wir bestohlen werden, weil uns Anerkennung oder Ehre genommen wird oder weil wir einen Menschen durch Tod verlieren.

4. In Angst, weil wir eine Hürde nicht schaffen, weil uns Gewalt angetan wurde oder weil der Lebensmut fehlt.

Und es tauchen bei all diesen Ereignissen Fragen auf:

  • Wieso ich?
  • Wieso jetzt?
  • Und so hart?
  • Und auf diese unangenehme Weise?

Diese sofortige Fragereaktion basiert auf der Annahme: „In meinem Leben wird es wohl gut gehen. Ich erwarte angenehme Umstände, ich erwarte Lebenssituationen ohne Anspannung oder Stress, ich erhoffe, dass die Sonne immer scheint und es im Leben bergauf geht“. Diese Annahme, dieses versteckte Ideal, zerbricht bei vielen Menschen im Laufe ihres Lebens. Wer dabei einen Glaubenshintergrund hat, egal ob christlich, islamisch oder jüdisch, wird das eigene Schicksal und Ergehen mit der Frage nach Gott verknüpfen.

Dabei spielt folgender Grundgedanke eine wesentliche Rolle: Wenn Gott der Schöpfer und Erhalter unseres Lebens ist, dann verknüpfen wir all unser Erleben „in einer Beziehung mit Gott“. Dann taucht sofort die Frage nach dem WARUM, dem SINN oder dem ZWECK einer fröhlichen oder einer leidvollen Erfahrung auf.

Deutungen:

1. Es gibt Menschen, die der Erfahrung von Leid keinen Sinn abgewinnen können. Sie können das Leiden nur dulden, tragen und sich widerstandslos in ihr Schicksal ergeben. Eine resignative Haltung ist das Ergebnis, die oft ein Leben lang anhält und Lebensenergie fesselt.

2. Eine zweite Gruppe von Menschen deutet Krankheit als Fluch der eigenen, vielleicht bösen Tat. Ähnlich einem Bumerang. Auch hier kann man sich nur in sein Schicksal ergeben und hoffen, dass die Wirkungen der negativen Vorstellungen bald verblassen.

3. Wiederum andere Menschen deuten das Erleben von Leid als Strafe Gottes, so als wenn das Menschsein einer Maschine gleichen würde. Und wenn Abweichungen von der Norm, der gesetzten „göttlichen“ Regel, eintreten, dann erfolgt eine Bestrafung durch Gott. Die Leiderfahrung macht den Schmerz nicht weniger, aber versucht, dem Leiden einen bestimmten – negativen – Sinn zu geben.

4. Eine leidvolle Erfahrung wird manchmal auch verstanden als Erziehungsinstrument Gottes: Reif werden zu Höherem, Besserem. Und sie verweist damit als Ursache auf Gott selbst oder auf seinen Gegenspieler, den Bösen. Auch damit gewinnt das Leiden einen Sinn, denn es hilft zur Reifung des eigenen Lebens und Erlebens.

Alle vier Deutungen helfen nur bedingt bei der eigenen Bewältigung einer Krankheits- oder Leiderfahrung.

Konkreter Umgang mit einer Leid- oder Krankheitserfahrung

Obwohl jede Leid- und Krankheitserfahrung individuell und damit sehr persönlich ist, lassen sich fünf Phasen des Umgangs mit Leid, Krankheit oder einer Kränkung feststellen. Eine Kenntnis der Phasen kann einmal dem Betroffenen helfen, die Leiderfahrung auch zuzulassen und nicht sofort überdecken zu müssen. Eine Kenntnis der Phasen hilft zum anderen auch Partnern, die vom Leid Betroffenen im Gespräch zu begleiten. Das Modell der fünf Phasen hat Frau Dr. Kübler-Ross entwickelt. Es liefert Orientierung und Anleitung zum Umgang mit Leid-, Krankheits- und Kränkungserfahrung.

Phase 1: Nicht Wahrhabenwollen
Diese zumeist spontane Reaktion wehrt die negativen Folgen des Ereignisses zunächst ab (z.B. das Erleiden eines Autounfalls mit Körperverletzung). „Das kann doch nicht sein.“ Es versetzt den Betroffenen oft in einen Schock- und Erstarrungszustand, der unterschiedlich lange anhalten kann.

Phase 2: Zorn
Im Zorn zeigt sich das Aufbegehren gegen das Erlebte. Zorn ist ein urtümliches Gefühl, die Kraft und Geschwindigkeit zur „Revierverteidigung“ zur Verfügung stellt. Erwachsene, die dem Zorn keinen „angemessenen“ Raum geben, können in eine innere Endlosschleife geraten. Verbitterung und Zynismus ist zumeist die Folge.

Phase 3: Verhandeln
Die Verhandlungsphase leitet den konstruktiven Umgang mit dem erfahrenen Leid ein (z.B. bei einer Krebserkrankung). Der Betroffene fragt: „Was ist unter den gegebenen Umständen noch die chancenreichste Möglichkeit, mein Leben weiterzuleben?“ Dabei wird begonnen, die Einschränkung, die z.B. durch die Leiderfahrung entstanden ist, zu bewältigen und sich neuen Lebensraum zu erschließen.

Phase 4: Depression
In der Phase der Depression nimmt der Betroffene Abschied von Dingen, um die er vorher noch gekämpft und verhandelt hat. Während sich die Aggression in der Zorn-Phase nach außen gewendet hat, richtet sich die Aggression jetzt nach innen. Das Selbstbild wird verändert. Ein Teil des bisherigen Selbstbildes wird eingeschmolzen, um eine neue Form zu gewinnen, die dann wesentlich mit der „erfahrenen Einschränkung“ umzugehen weiß.

Phase 5: Zustimmung
Erst in dieser Phase erreicht ein Betroffener wieder seinen inneren Frieden und seine innere Ausgeglichenheit. Das erfahrene Leid, die Kränkung – egal ob durch eine Person (Chef, Partner) oder ein Ereignis (Unfall, Naturkatastrophe) verursacht – kann jetzt losgelassen werden. Das Leben, die Lebenssituation mit den „eingeschränkten“ Möglichkeiten wird akzeptiert als Gelegenheit, aus der man für sich das – noch – Beste für das Leben mit seiner Kraft und seinen Möglichkeiten machen kann.

Diesen „Trauerprozess“ bei erfahrenem Leid, Krankheit oder Kränkung durchleben viele Menschen. Die jeweiligen Phasen können unterschiedlich kurz oder lang sein. Akzeptiert eine Person, dass es einen Gott gibt und unser Leben in einer Beziehung zu ihm steht, kann das Durchleben der Phasen zu einer Glaubenserfahrung werden. Dann ist das Erleben einer schmerzhaften Situation nicht nur „Schicksal“, sondern mündet in der Möglichkeit, durch die Beziehung zu Gott dem Ereignis Sinn, Zweck und Bedeutung zu verleihen. Das macht die einzelne Situation nicht spontan einfacher. Aber immer dort, wo wir einen Sinn für Erfahrenes finden, zumal in der Beziehung zu Gott, ereignet sich ein „mehr“ an innerem und äußerem Akzeptieren, Deuten und Erleben.

Wenn jemand eine Kränkung oder Leid so durchlebt, kann es zu wichtigen Richtungs-änderungen kommen. Erstaunlicherweise reden Menschen, denen diese innere Umorientierung gelungen ist, weniger über das Ereignis, als die immer noch Frustrierten, die vermutlich in einer Phase des Verarbeitungsprozesses stecken geblieben sind.

Gibt das bisher Beschriebene eine Antwort: „Warum lässt Gott das zu? Wieso passiert mir dieses Leid, diese Krankheit, diese Kränkung?“. Eine Antwort lässt sich nicht vorschnell geben. Wer an die Existenz Gottes glaubt, kann ihm im Gebet seine Fragen, Vorwürfe und Vorhaltungen mitteilen. Wie in einem guten Zwiegespräch mit einem Freund werden die Antworten nicht vom Himmel fallen. Aber Antworten wachsen heran, die der eigenen Leiderfahrung Deutung und Verstehen geben. Ein Reifungsprozess wird angestoßen, was in Zukunft sein soll oder auch nicht mehr sein soll. Diese heranwachsenden Antworten helfen, die persönliche Lebenssituation neu und realistisch zu erfassen, zu akzeptieren und auf dieser neuen Lebens-Realität dem weiteren Alltag mit seinen bunten Facetten Raum zu geben.

Möchten Sie dieses Thema weiter vertiefen?

Zwei Bücher möchte ich als Leseempfehlung nennen:

1. Anselm Grün: Womit habe ich das verdient? Die unverständliche Gerechtigkeit Gottes

 
Oder suchen Sie einen Gesprächspartner?
 
Dann können Sie sich gerne an Hans-Dieter Keßeler wenden unter 06151-397387-0 oder per E-Mail ed.421561016147nopar1561016147eht@o1561016147fni1561016147.